Brexit: Der Coundown beginnt

Brexit: Der Coundown beginntApr 5, 2018

Noch knapp ein Jahr, dann tritt das Vereinigte Königreich offiziell aus der Europäischen Union (EU) aus. Dylan Ball, Head of European Equity Strategies der Templeton Global Equity Group, und David Zahn, Head of European Fixed Income der Franklin Templeton Fixed Income Group, äußern sich dazu, warum ein „Passporting“-Abkommen mit der EU für den Finanzdienstleistungssektor von zentraler Bedeutung ist und wie EU-Länder die Übergangszeit nutzen könnten, um ihre eigene Agenda voranzutreiben.

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Während der einjährige Countdown bis zum Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union (EU) beginnt, würden wir eine zunehmende Dringlichkeit in der Suche nach Lösungen für eine Übergangsvereinbarung erwarten.

Solange die künftigen Regelungen nicht bekannt sind, werden Investitionen, Einstellungen und Entscheidungen über Investitionsausgaben zunächst einmal vertagt.

Die Bewertungen vieler in Großbritannien notierter Aktien spiegeln derzeit diese Unsicherheit wider. Aus unserer Sicht sind einige der Bewertungen binnenwirtschaftlich ausgerichteter britischer Aktien bereits seit geraumer Zeit attraktiv.

Wir gehen davon aus, dass die Kurse zu ihrem Mittelwert zurückkehren sollten. Allerdings sind wir auch realistisch: wir sind uns durchaus darüber im Klaren, dass es zu einfach wäre, das Thema als lediglich eine Frage der Zeit darzustellen.

Sofern beispielsweise keine Sicherheit darüber herrscht, wie das Vereinigte Königreich mit anderen Ländern Handel treiben wird, können wir uns bezüglich seiner Aussichten als eigenständiger, von der EU getrennter Staat nicht sicher sein.

Dennoch hat unsere Erfahrung gezeigt, dass Aktien Erholungsszenarien in der Regel sechs bis neun Monate vor einer tatsächlichen Verbesserung der wirtschaftlichen Fundamentaldaten vorwegnehmen. Da uns bis zum Austrittsdatum nur noch 12 Monate bleiben, würden wir daher davon ausgehen, dass wir dem Ende der Unsicherheit inzwischen näher sein sollten als ihrem Anfang.

„Passporting“ wird von zentraler Bedeutung sein

Eines der wichtigsten Themen, auf das sich Großbritannien und die EU noch einigen müssen, betrifft die Zukunft des sogenannten „Passporting“ von Finanzdienstleistungen in die EU.

Passporting erlaubt es einem Finanzdienstleistungsunternehmen, das in einem EU-Land zugelassen und eingetragen ist, seine Produkte mit minimalem oder gar keinem zusätzlichen behördlichen Zulassungsbedarf direkt an Kunden in anderen EU-Ländern zu verkaufen.

Sollte die EU den in Großbritannien ansässigen Banken und Versicherungsunternehmen die Passporting-Rechte entziehen, könnte dies dramatische Konsequenzen haben – und zwar nicht nur für den riesigen Finanzdienstleistungssektor des Landes.

Die Folgen könnten sich in zahlreichen Aspekten der britischen Wirtschaft bemerkbar machen, unter anderem bei den landesweiten Preisen für Wohn- und Gewerbeimmobilien sowie bei Bauprojekten. Besonders hart dürfte es den Südosten Englands in der Region um London herum treffen.

Wir vermuten, dass die Suche nach einer Lösung, die den Status quo wahrt, anstatt es den Finanzdienstleistern zu erlauben, von London in europäische Zentren wie Frankfurt oder Luxemburg abzuwandern, auf der Liste der Prioritäten der britischen Verhandlungsführer ganz oben stehen sollte.

Das Vereinigte Königreich mag dem offiziellen Austritt aus der Europäischen Union (EU) am 29. März 2019 zwar näher gekommen sein,  aus unserer Sicht gibt es jedoch noch eine andere Seite der Brexit-Gleichung, die nicht außer Acht gelassen werden sollte.

Beide Seiten haben sich darauf geeinigt, dass eine 21-monatige Übergangphase im Nachgang des Austrittsdatums mehr Zeit bieten würde, um neue Handelsbeziehungen zwischen Ländern auszuhandeln und entsprechende Einigungen zu finden. Zudem erhalten Unternehmen hierdurch die Möglichkeit, sich auf die im Nachgang des Brexit geltenden Regelungen einzustellen.

Obwohl es gewisse Anzeichen auf Fortschritte gibt, scheinen Gilts (britische Staatsanleihen) derzeit eine Brexit-Prämie eingepreist zu haben – die Möglichkeit, dass das Vereinigte Königreich die Union verlässt, ohne eine Einigung erzielt zu haben.

Sollte zum Zeitpunkt des Austritts jedoch keine Einigung vorliegen, würden wir mit einem Rückgang der Renditen auf Gilts rechnen, da vor dem Hintergrund eines erhöhten Risikos und eines unsicheren Umfelds eine Flucht hin zu sicheren Werten einsetzen dürfte.

Sorgen um diese „bekannten Unbekannten“ – ob das Vereinigte Königreich Handelsabkommen schließt oder ohne erreichte Einigung austritt – haben die Stimmung in Großbritannien ein wenig eingetrübt. Und das wiederum hat eine Abwärtskorrektur der erwarteten britischen Wachstumsrate 1 nach sich gezogen, da die Menschen mit ihren Ausgaben zögern, bis weitere, konkrete Einzelheiten ausgehandelt sind. Wir gehen allerdings davon aus, dass sich das ändern wird, je mehr Details zur Übergangsphase im Laufe der Zeit bekannt werden.

Es ergeben sich Chancen – für einige

Unserer Einschätzung nach dürften einzelne EU-Länder beabsichtigen, die Brexit-Verhandlungen zu nutzen, um ihre eigene Agenda während der Übergangsphase voranzutreiben. Zu den größten Knackpunkten zählt derzeit die Debatte, ob nach dem Brexit eine offene Grenze zwischen Irland und Nordirland bzw. zwischen Gibraltar und Spanien gewahrt werden soll.

Während also die EU27-Länder 2  diese Verhandlungsmöglichkeiten mit beiden Händen ergreifen, zeigt sich doch, dass die EU nicht ganz so homogen ist, wie der ein oder andere uns glauben machen würde.

Auf längere Sicht könnte der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU aus unserer Sicht allmählich abweichende Positionen zwischen den einzelnen Fraktionen des Handelsblocks aufdecken. Und er könnte das Kräftegleichgewicht im Europäischen Parlament zugunsten der Länder der Eurozone 3 verschieben.

Länder wie Deutschland und Frankreich würden sich eine stärkere Integration der EU wünschen,  während andere, beispielsweise in Mitteleuropa, eine losere Gruppierung bevorzugen, die ihnen Handelsvorteile und zugleich mehr Kontrolle über die eigene Souveränität erlaubt.

Nach den Regeln des Europäischen Parlaments erfordert ein Beschluss oder ein Veto 67 % der Stimmen. Gegenwärtig entfallen 70 % der Stimmen im Europäischen Parlament auf die Länder der Eurozone, und die Länder außerhalb der Eurozone, einschließlich des Vereinigten Königreichs, stellen die verbleibenden 30 %.

Nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs, auf das im Europäischen Parlament 12 % der Stimmen entfallen, könnte dies das Gewicht der Länder außerhalb der Eurozone weiter schwächen, während sich für europazentrische Länder die Gelegenheit bietet, ihren Einfluss weiter auszubauen.

Der Euro-Club

Dies könnte die EU nach unserer Ansicht viel stärker in einen Euro-Club umwandeln. Länder wie Polen, die den Euro noch nicht eingeführt haben, müssen ihre Position möglicherweise überdenken, falls sie bei der Zukunft der Union ein Wörtchen mitreden wollen.

Ebenso verfolgte das Vereinigte Königreich in Bezug auf den EU-Haushalt immer wieder einen eher strengen Sparansatz und stimmte häufig mit Deutschland und anderen, vorwiegend nordeuropäischen Mitgliedstaaten gegen höhere Ausgaben.

Länder, die höhere EU-Ausgaben wünschen, könnten sich in der Mehrheit wiederfinden und sich möglicherweise auch gegen Widerstand aus Deutschland durchsetzen.

Dies wird bei den Verhandlungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU in diesem Jahr eine wichtige Rolle spielen, wenn entschieden wird, wie viel Geld das Vereinigte Königreich in die Hand nehmen muss, um den Zugang zur EU zu wahren.

Infolgedessen wird die EU die Haushaltslücke irgendwie schließen müssen. Das unserer Meinung nach wahrscheinlichste Szenario: höhere Steuern in den drei wichtigsten EU-Ländern, Frankreich, Deutschland und Italien.

Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Dynamik innerhalb des Handelsblocks entwickeln wird. Wir gehen jedoch davon aus,  dass die europäischen Politiker bereits beginnen, sich mit dieser veränderten Situation auseinanderzusetzen und entsprechende Strategien zu entwickeln. Dies ist etwas, auf das Anleger unserer Meinung nach unbedingt achten sollten.

Alles in allem wird der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU aller Wahrscheinlichkeit nach eine Umbruchstimmung in der EU auslösen. Während die EU versucht, sich zu einem zentralisierten System zusammenzuschließen, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass bei den im März in Italien abgehaltenen Wahlen mehr als 50% der Stimmen an EU-feindliche Parteien gegangen sind. Dies lässt Zweifel daran aufkommen, ob wirklich alle EU-Länder am sogenannten „EU-Projekt“ teilnehmen wollen.

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  1. Office for National Statistics, Februar 2018.
  2. EU27 beschreibt die 27 Länder der Europäischen Union (EU), die in einem gemeinsamen Binnenmarkt agieren, der den freien Verkehr von Waren, Kapital, Dienstleistungen und Personen zwischen den Mitgliedstaaten ermöglicht.
  3. Die Eurozone ist eine Währungsunion, der 19 der 28 Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) angehören, die den Euro als ihre gemeinsame Währung eingeführt haben.