Warum uns die Folgen eines Brexits keine übermäßigen Sorgen bereitenJan 14, 2019

Für den Brexit naht die Stunde der Wahrheit. Wie die Situation letztlich gelöst wird, ist alles andere als klar. Colin Morton, Vice President und Portfolio Manager beim Franklin UK Equity Team, ist jedoch der Ansicht, dass die Zeit gekommen ist, über die kurzfristigen Auswirkungen des EU-Austritts Großbritanniens hinwegzusehen. Er rät Anlegern, sich auf Faktoren zu konzentrieren, die ihre Portfolios beeinflussen konnten, nachdem das Ergebnis schließlich feststeht.

Big Ben


Die Sorgen und die Unsicherheit über den Ausgang des Brexits überschatten verständlicherweise einen Großteil der Analysen, die sich mit der aktuellen Investmentlandschaft im Vereinigten Königreich befassen.

Als langfristige Anleger ignorieren wir den Brexit zwar nicht gänzlich, versuchen jedoch, eine pragmatischere Sichtweise zu finden. In der Tat erkennen wir, dass das vorherrschende, von Unsicherheit geprägte Umfeld in Wahrheit bestimmte Bewertungschancen für Anleger geschaffen haben könnte.

Aber noch mehr als das: wenn wir die Brexit-Überlegungen einen Moment lang ausblenden, zeichnet sich ein völlig anderes Bild der britischen Wirtschaft ab.

Wir sind uns zwar der Tatsache bewusst, dass der Brexit zweifellos ein gewisses Maß an kurz- und sogar mittelfristiger Volatilität verursachen wird, unsere Erfahrung lehrt uns jedoch, dass die Auswirkungen auf lange Sicht womöglich nicht ganz so signifikant sein könnten.

Wendepunkt rückt näher

Derzeit scheinen wir uns in einer von maximalem Pessimismus geprägten Phase zu befinden.

Die Unsicherheit darüber, wie sich die Beziehung des Vereinigten Königreichs zur Europäischen Union (EU) und zu anderen Handelspartnern im Nachgang des Brexits gestalten wird, hat insbesondere inländisch ausgerichtete britische Aktien belastet. Sorgen über eine mögliche weitere Abwertung des Pfunds Sterling hat zahlreiche Unternehmen derweil davon abgebracht, Investitionen zu tätigen.

Aber es gibt nicht nur schlechte Nachrichten. Und es liegen Anzeichen dafür vor, dass wir uns an einem Wendepunkt befinden könnten.

In den letzten Monaten haben wir Hinweise darauf gesehen, dass das Durchschnittseinkommen in Großbritannien stärker steigt als die Inflation.[1] Nach einem äußerst schwierigen Jahr 2017 dürften wir also eine allmähliche Verbesserung der liquiden Mittel beobachten, die den privaten Haushalten zur Verfügung stehen.

Wenn wir die Überlegungen in Bezug auf den Brexit vorübergehend einmal außer Acht lassen, erscheint die grundlegende Situation in Großbritannien derzeit im Hinblick auf die Beschäftigungslage, das durchschnittliche Einkommen und die Inflation vielversprechend.

Natürlich sind nicht alle makroökonomischen Meldungen rosig. Wir sehen aber dennoch Gründe für Optimismus.

Die jüngsten Prognosen des Office for Budget Responsibility (OBR) deuten auf eine Abkühlung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den kommenden Jahren hin.

Das OBR rechnet zudem damit, dass die Inflation im Vereinigten Königreich in diesem Jahr ihren Höchststand erreichen und dann in den darauffolgenden zwölf Monaten auf das von der Regierung vorgegebene Ziel von 2 % zurückgehen dürfte. Dies entspricht auch unseren Erwartungen.

Wir sehen die niedrigeren Zahlen zum BIP-Wachstum in Kombination mit Erwartungen einer sinkenden Inflation als weitere Hinweise darauf, dass die Zinsen in Großbritannien noch auf längere Zeit niedriger bleiben dürften. Allgemein dürfte dies für britische Aktien aller Wahrscheinlichkeit nach positiv sein.

Bauen für die Zukunft

Ein Bereich, in dem sich aus unserer Sicht – ungeachtet des Ausgangs des Brexits – erhebliche Chancen eröffnen, ist der britische Wohnbausektor.

Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass es für Anleger in Anbetracht der Unsicherheit über den Brexit gute Gründe gibt, die Baubranche mit Skepsis zu betrachten. Es ist jedoch unstrittig, dass angemessener Wohnraum in Großbritannien knapp ist. Und jegliche britische Regierung wird sich im Nachgang des Brexits mit dieser Unterversorgungslage auseinandersetzen müssen.

Ganz gleich, welche Lösung letztlich gefunden wird: börsennotierte Wohnbaufirmen dürften eine zentrale Rolle spielen. Daher ist dies unserer Einschätzung nach ein interessanter Bereich, um nach attraktiv bewerteten Anlagechancen Ausschau zu halten.

Unsere Analyse deutet darauf hin, dass die Dynamik des Sektors äußerst vielversprechend ist. Zahlreiche britische Wohnungsbaugesellschaften befinden sich in ausgezeichneter finanzieller Verfassung, und viele von ihnen halten derzeit Nettoliquidität vor. Darüber hinaus ist der Wettbewerb um Grundstücke im Vereinigten Königreich bei weitem nicht mehr so intensiv wie früher. Vor einem Jahrzehnt, kurz vor der Finanzkrise, war der Wettbewerb um Bauland heftig.

Heute liefern die Grundstückspreise Bauherren aus unserer Sicht jedoch gute Wertsteigerungschancen, wenn man die Baukosten sowie die zu erwartenden wahrscheinlichen Verkaufspreise berücksichtigt.

Gewöhnung an den Brexit

Alles in allem sind wir nach wie vor der Ansicht, dass der Brexit kurzfristig Unannehmlichkeiten verursachen könnte, während die Märkte das zwischen Großbritannien und der EU letztendlich ausgehandelte Ergebnis verdauen.

Wir gehen jedoch davon aus, dass sich die meisten Unternehmen früher oder später an die Art und Weise, wie sie von nun an mit Europa und anderen Handelspartnern umgehen müssen, gewöhnen werden.

Viele britische Unternehmen tätigen bereits heute Geschäfte mit dem Rest der Welt und wissen also, wie es geht.

Daher halten wir es für unwahrscheinlich, dass das Vereinigte Königreich in fünf bis zehn Jahren durch den Brexit definiert wird. Dies legt in unseren Augen nahe, dass das aktuelle Umfeld potenzielle Chancen bieten sollte.

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[1] Quelle: Statistisches Amt des Vereinigten Königreichs, Stand: 11. Dezember 2018