AUTOREN

Dr. Martin Lück
Kapitalmarktstratege
Franklin Templeton
Zu Beginn des Jahres haben wir beim Franklin Templeton Institute unsere Kapitalmarkteinschätzung auf drei zentrale Thesen verdichtet: Broadening, Steepening und Weakening. Hinter diesen Schlagworten standen drei Überzeugungen. Erstens erwarteten wir eine breitere Marktteilnahme, über verschiedene Anlageklassen hinaus, jenseits der wenigen Mega Cap Technologieaktien, die die Performance der Vorjahre dominiert hatten. Zweitens gingen wir davon aus, dass die Renditekurven wieder steiler werden würden, da die Märkte für 2026 zahlreiche Zinssenkungen eingepreist hatten. Drittens rechneten wir mit einer weiteren Abschwächung des USDollars, nachdem der Greenback über Jahre von außergewöhnlichen Wachstums- und Zinsvorteilen profitiert hatte.
Neun Monate später zeigt sich ein gemischtes Bild. Zwei unserer drei Einschätzungen haben sich nicht bewahrheitet. Nur eine These hat sich vollständig bestätigt. Gleichzeitig liefert genau diese Erfahrung eine wichtige Erkenntnis für Anlegerinnen und Anleger: In einem Umfeld hoher Unsicherheit ist die richtige Portfolioarchitektur oft wichtiger als die richtige Prognose.
Beginnen wir mit dem Thema Zinsen. Anfang des Jahres schien vieles für eine Versteilerung der US Renditekurve zu sprechen. Die Märkte erwarteten mehrere Zinssenkungen der Federal Reserve. Entsprechend standen die kurzfristigen Renditen deutlich unter Druck, während die langfristigen Renditen durch strukturelle Faktoren wie hohe Staatsdefizite und wachsende Emissionstätigkeit gestützt wurden. Die Erwartung lautete daher: sinkende Kurzfristzinsen bei vergleichsweise stabilen Langfristzinsen, also eine steilere Kurve.
Tatsächlich kam es anders. Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten und insbesondere die Eskalation des Iran-Konflikts führten zeitweise zu deutlichen Anstiegen der Energiepreise. Öl notierte deutlich oberhalb der Niveaus zum Jahresanfang. Damit kehrten Inflationssorgen zurück, die bereits überwunden schienen. Die Folge war eine Neubewertung des geldpolitischen Ausblicks. Die Zentralbanken konnten die Zinsen nicht im erwarteten Maße senken, teilweise wurden sogar wieder höhere Leitzinspfade eingepreist. Statt einer Versteilerung sahen wir über weite Strecken des Jahres eine erneute Abflachung der Kurven.
Auch bei unserer dritten These lagen wir wegen des Krieges im Iran daneben. Nach der Dollarschwäche der ersten Monate schien sich die strukturelle Abwertung des Greenbacks zunächst fortzusetzen. Doch der Dollar erwies sich erneut als bemerkenswert widerstandsfähig. Das US-Wachstum blieb robuster als in vielen anderen Volkswirtschaften, die Renditedifferenz gegenüber Europa blieb attraktiv, und in Phasen geopolitischer Unsicherheit griffen Anlegerinnen und Anleger weiterhin auf den Dollar als sicheren Hafen zurück. Anstatt weiter zu fallen, wertete die USWährung wieder auf und drehte damit einen wesentlichen Teil ihrer vorherigen Verluste zurück.
Die eigentliche Erfolgsgeschichte des Jahres war dagegen unser Broadening Call. Die Marktperformance wurde deutlich breiter getragen als in den Vorjahren. Europäische Aktien konnten zeitweise mit den USA mithalten, verschiedene Emerging Markets entwickelten sich erfreulich, und auch in den USA nahm die Marktbreite zu. Die Abhängigkeit von einer Handvoll großer Technologiewerte verringerte sich. Gleichzeitig zeigte sich auf Sektorebene eine größere Streuung der Gewinner. Industrie, Finanz und Infrastrukturwerte konnten phasenweise besser abschneiden als die lange dominierenden Wachstumstitel.
Damit bestätigte sich eine zentrale Annahme: In einer Welt, in der geopolitische Risiken, Inflationsschocks und politische Eingriffe jederzeit neue Marktregime auslösen können, gewinnt Diversifikation wieder an Bedeutung. Die vergangenen Jahre waren geprägt von der außergewöhnlichen Dominanz weniger Anlageklassen und weniger Titel. Das Jahr 2026 hat dagegen gezeigt, dass breitere Portfolios robuster sind, wenn unerwartete Entwicklungen die ursprünglich plausiblen Markterwartungen durchkreuzen.
Diese Erkenntnis erscheint mit Blick auf die kommenden Monate wichtiger denn je. Zwei Risiken stehen dabei besonders im Vordergrund.
Erstens bleibt der Aufwärtsdruck auf langfristige Zinsen bestehen. Die Staatsverschuldung vieler Industrieländer steigt weiter. Gleichzeitig nehmen Investitionsbedarfe in Verteidigung, Infrastruktur, Energiewende und industrielle Transformation erheblich zu. Selbst wenn die Zentralbanken ihre Leitzinsen perspektivisch senken sollten, bedeutet dies nicht automatisch fallende Langfristzinsen. Anlegerinnen und Anleger müssen sich auf ein Umfeld einstellen, in dem die Laufzeitprämien strukturell höher bleiben als in den Jahren nach der Finanzkrise.
Zweitens hat sich rund um das Thema künstliche Intelligenz eine neue Konzentrationsgefahr aufgebaut. Die wirtschaftlichen Potenziale der Technologie sind unbestritten. Gleichzeitig spiegeln die Bewertungen vieler KIbezogener Unternehmen bereits sehr ambitionierte Erwartungen wider. Die Geschichte der Kapitalmärkte lehrt jedoch, dass selbst transformative Innovationen nicht zwangsläufig zu dauerhaft steigenden Aktienkursen einzelner Marktführer führen. Zwischen technologischem Erfolg und Anlageerfolg besteht nicht immer Identität.
Die Lehre des laufenden Jahres ist deshalb weniger eine Geschichte gescheiterter Prognosen als vielmehr eine Bestätigung eines grundlegenden Anlageprinzips. Wer ausschließlich auf bestimmte makroökonomische Szenarien gesetzt hat, wurde mehrfach überrascht. Wer dagegen breit über Regionen, Anlageklassen, Sektoren und Risikofaktoren diversifiziert war, konnte die Wendungen des Jahres deutlich besser verkraften.
Unsere drei Calls lauteten zu Jahresbeginn Broadening, Steepening und Weakening. Eine einzige geopolitische Wendung, nämlich der Krieg im Mittleren Osten, sorgte dafür, dass nur einer davon Bestand hatte. Ausgerechnet dieser eine erwies sich jedoch als der wichtigste. Denn in einer Welt zunehmender Unsicherheit bleibt breite Diversifikation nicht nur eine Absicherung gegen Fehleinschätzungen. Sie wird selbst zur zentralen Anlagestrategie.
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Dr. Martin Lück zeigt auf, welche Faktoren die Kapitalmärkte bewegen und welche Bedeutung sie für Anlegerinnen, Anleger und Portfolios haben.
